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Was macht eigentlich ein Künstler?


Gute Frage! Warum bin ich eine Kunstschaffende oder darf ich sagen "Künstlerin"?

Ich male, weil ich meine Ideen und Gedanken mit jemanden teilen möchte. Ich verbringe viel Zeit damit, meine Umwelt zu beobachten und befasse mich mit der Natur, den Menschen und den Städten. Ich befasse mich mit Farben, Materialien, Kontrasten und Emotionen und versuche sie in meine Bilder einfliessen zu lassen.

Wie fühle ich mich heute, was fühle ich? Freude, Angst, Zorn, all dies kann mich beeinflussen. Ein Bild entsteht aus diesen Gefühlen, verändert sich, je länger ich daran arbeite. Am Ende ist für mich fast nicht mehr ersichtlich, was mich getrieben hat.


Rezension zu „Woodland“

„Ich lasse mich einfach treiben und bin gespannt was aus mir heraus kommt“, mit diesem Credo tritt die schweizerische Künstlerin Ursi Lysser an ihre Leinwand. Diese Einstellung ist spannend und kreativ zugleich.

Beim Analysieren der hier zu besprechenden Arbeit „Woodland“ von Ursi Lysser fällt die ungemein aufwändige Technik auf: Klare, haptische Konturen mittels Marmormehl, Binder und mit Spachtel aufgetragen, erscheinen neben diffusen Flächen oder sind zum Teil deren Kontur. Darüber hinaus arbeitet die Künstlerin hier mit Holzbeizen, Pigmenten und Mohnöl-Farben. Mittels Orangenterpentinen trägt sie die eine oder andere Stelle wieder ab. Stark nuancierte Unterschiede suggerieren danach Tiefe, Volumen und eine dreidimensionale Plastizität.

Halt bekommt dieses monochrome Werk in Naturtönen durch die konträren grauen Flächen im oberen und unteren Bereich. Farbtöne, die bei dieser Darstellung ungemein gut harmonieren! Das Sujet drückt Kraft aus und wird dabei durch Ursi Lysser‘s Maltechnik unterstützt. Die Künstlerin arbeitet dabei gewohnt aufwändig. Ihre sensible und durchdachte Art, innere Bildideen mittels vieler, oft strukturierter Materialien „nach draußen zu lassen“ und dabei permanent während der Bildentstehung Gedanken zu optimieren, führt oft zu diesen beeindruckenden Ergebnissen, für die die Künstlerin steht. Es ist sicherlich nicht leicht, eigene Ideen wieder zu verwerfen, fertige Farbaufträge wieder abzutragen und mit unendlich vielen Schichten andere, bessere Lösungen zu finden – aber Ursi Lysser hat dies zu ihrem ureigenen Stil weiterentwickelt.

Wir als Betrachter sind oft versucht, Gedankenverknüpfungen oder Übertragungsgleichnisse zu dem Sichtbaren herzustellen, folgen dabei aber immer unserer gewohnten Vorstellungskraft. Es mag auch sein, dass es sporadisch gelingt, Gewohntes zu übertragen, das Sichtbare zu interpretieren. Dieses Werk „beharrt“ jedoch auf seiner Abstraktion und lässt sich nicht so ohne weiteres entschlüsseln.

„Meistens male ich experimentelle Bilder - aber zwischendurch entsteht etwas ganz Spezielles“, sagt die Künstlerin bescheiden. Für sie ist jedes Bild ein Prozess wie von der Empfängnis bis zur Geburt. Ihre individuelle Malweise erlaubt es, dass die Künstlerin die Betrachter dazu auffordern kann, ihre Werke anzufassen, sie zu erforschen, die Augen zu schliessen und ihre Gedanken beim Betasten, schweifen zu lassen. Eine nicht allzu übliche Praxis!

Die erwähnte Experimentierlust macht ihr es aber nicht leicht, mit ihren Bildergebnissen zufrieden zu sein. Oft „lebt“ sie mit den Bildern wochenlang und entscheidet erst spät, ob das Bild gelungen oder gar „fertig“ ist. Sie hofft, dass sie eines Tages ihre vielseitigen Techniken kombinieren kann und so „DAS FÜR MICH SPEZIELLE BILD ZU MALEN“, sagt sie.

Ich würde sie mit dieser Rezension gerne dazu ermutigen – es wird gelingen!

Günter Weiler


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© 2019 by Ursi Lysser